Spitzbergen-Expedition


Anfang April 2001 lichteten wir in Nordnorwegen den Anker zu unserer Spitzbergen-Expedition.

Das Schiff "Langøysund" verschiffte die sechsköpfige Gruppe aus vier Ländern, 28 Huskies und die Ausrüstung nach Spitzbergen. Dort – irgendwo an der Eiskante in Westpsitzbergen – wurde die Expedition abgesetzt. Ziel war eine kleine Hütte im Norden des Archipels.

Wir haben 600 Kilometer über Berge, Gletscher und zugefrorene Fjorde sollen zurückgelegt. Ein neues Abenteuer nahm seinen Lauf.

Der historische Hintergrund

Ziel der Expedition war Gråhuken, eine kleine Hütte auf Nordspitzbergen, die den Ausgangspunkt für den Klassiker der Polar- und Naturliteratur darstellt: "Eine Frau erlebt die Polarnacht" von Christiane Ritter.

Christiane und Hermann Ritter
Christiane und Hermann Ritter

Die nur teilweise bekannte und äußerst interessante Geschichte des Ehepaares Ritter aus Österreich, das vor dem zweiten Weltkrieg auf Spitzbergen überwinterte, hat zwei Seiten: die einer Frau aus großbürgerlichen Hause, die es versteht, ihre Metamorphose während der Überwinterung in der Arktis in klare Worte zu fassen, und die eines Mannes, der sich später während des zweiten Wertkrieges in einer abenteuerlichen Odyssee für die Arktis und die dort lebenden Menschen und gegen die Ideologie der Wehrmacht entscheidet.

Dieser Hintergrund – das spektakuläre Naturerlebnis einer Frau in der Arktis und das Abwenden von totalitärer Macht in der historischen Perspektive des letzten Jahrhunderts – lässt diese Expedition weit über das sportliche Ereignis hinaus wachsen. In ihrem Buch "Eine Frau erlebt die Polarnacht" gelang es Christiane Ritter, in bisher unerreichter Weise den mentalen Wert der Natur für den Menschen in dramatischer Weise zu beschreiben.

Die kleine Hütte bei Gråhuken, in der Christiane Ritter zusammen mit ihrem Mann und dem Norweger Karl Nicolaisen ein Jahr lang (1933/34) lebte, wurde zum Ort einer Wandlung: Während den Männern aus vorhergegangenen Wintern das Leben als Jäger und Überwinterer nicht unbekannt war, stieß Christiane Ritter dort in der winzigen Hütte Gråhuken auf einen Alltag, der nichts mit ihrem früheren Leben zu tun hatte, und den sie sich nicht im entferntesten hatte ausmalen können.

In ihrem Buch beschreibt sie das Eintauchen in die zunächst sehr feindliche Arktis so lebendig, dass dieses Werk auch mehr als 60 Jahre nach der Ersterscheinung so aktuell ist wie am ersten Tag. Mehr als 400.000 Leser haben sicher genauso wie ich über die Wandlung einer etablierten 40jährigen Frau aus Mitteleuropa gestaunt, die nicht nur das extrem einfache Leben dort oben ertrug, sondern mit allen Fasern ihrer Seele aufzusaugen begann.

Ideologie in der Arktis 

Doch dies ist nicht nur die Geschichte der Wandlung einer zivilisationsmüden Abenteurerin, sondern auch die Geschichte des Hermann Ritter, die als Beweis gelten mag, dass Ideologie und Fanatismus den Menschen oft viel weniger beeinflussen als die Liebe zur Natur und Freundschaften, die in der Einsamkeit der Arktis gewachsen sind.

Die kleine Hütte der Ritters bei Gråhuken
Die kleine Hütte der Ritters bei Gråhuken

Hermann Ritter wurde im zweiten Weltkrieg aufgrund seiner Arktiserfahrung als Leiter einer meteorologischen Expedition der Wehrmacht auf Nordgrönland eingesetzt. Doch hier musste er erfahren, dass er selbst mitten in den endlosen grönländischen Eiswüsten nicht vor einer Entscheidung fliehen kann, dass man im Leben eine Seite zu wählen hat, die den eigenen Grundwerten entspricht.

Nach einigen bewaffneten Kontakten mit dem von den Amerikanern gegründeten Vorläufer der "Sirius Patrouille" wurde ihm spätestens klar, dass er auf der falschen Seite steht. Seine über 1000 Kilometer lange Hundeschlittenfahrt wird Zeuge einer inneren Zerrissenheit. Sie ist eine Irrfahrt, die die Seelenqualen des Loyalitätskonfliktes eines Mannes beschreibt, der sich zwischen der Treue zu seinem Heimatland sowie der dort vorherrschenden Ideologie und seinem Respekt vor den Menschen der Arktis, seinen Jagdkameraden aus Spitzbergen, die ihm als feindliche Schlittenpatrouille begegnen, entscheiden muss. Er desertiert nach dieser langen – auch mentalen – Reise und lässt sich am Ende von seinen ehemaligen Freunden festnehmen.

Hermann Ritter in Gråhuken
Hermann Ritter in Gråhuken

Der Hintergrund unserer Expedition zu den Ursprüngen der deutschsprachigen Arktis-Literatur soll den Wert der Natur als Tankstelle für die Psyche des Menschen beschreiben. Das großartige Naturspektakel Spitzbergens im Winter ist somit sowohl eine mentale und zugleich sportliche Herausforderung.

Eine Tour auf Svalbard, wie die Norweger das Archipel nennen, hat aber auch eine Menge Herausforderungen. Da sind die riesigen Gletschergebiete, die einsamen, vereisten Fjorde und die imposante Bergwelt, die eine große Anziehungskraft besitzt und dennoch mit ihrer grenzenlos scheinenden Erhabenheit fast uneinnehmbar wirkt. Da sind die Eisbären, vor denen man tiefen Respekt haben muss, wenn eine solche Tour möglichst sicher organisiert werden will.

Dennoch: Es gibt keine Rekorde zu brechen.

Größenordnung

Die Hütte in Gråhuken wurde im APRIL 2001 von insgesamt 6 Hundeschlitten 28 Huskies) angesteuert. Sechs Teilnehmer aus England, Finnland, Norwegen und Deutschland waren an dieser Expedition beteiligt. Alle Teilnehmer hatten weitreichende Erfahrungen im Umgang mit Hundeschlitten und dem winterlichen Outdoorleben in der Arktis.

Die Expedition hat sich über ca. 600 Kilometer erstreckt und benötigte 5 Wochen.

Die Etappen

Der Plan lautete ursprünglich: 

Die Hunde werden mit dem gecharterten Schiff (Langøysund) nach Svalbard transportiert. Dies ist zum einen die günstigste Transport-Alternative, zum anderen wird die Schiffspassage der Sache am ehesten gerecht. Die Hunde und die gesamte Ausrüstung (ca. 2,2 Tonnen) werden in Sjøvegan (dem nächstgelegenen Hafen) auf das Schiff geladen. Zweieinhalb Tage dauert die Schiffsreise zum Isfjorden. Sollte der Seeweg nach Longyearbyen durch EIS verschlossen sein, versuchen wir in Barentsburg oder an der Eiskante am Ausgang des Isfjorden die Ladung zu löschen.

In diesem Falle startet die Expedition also in Barentsburg oder am Ausgang des Isfjorden. Ist der Isfjord eisfrei (was sehr unwahrscheinlich ist), beginnt die Expedition in Longyearbyen. Der zeitliche Unterschied beträgt einen bis zwei Tage. Länger dauert es nur, wenn es Schwierigkeiten mit dem Löschen der Schiffsladung gibt (Eisverhältnisse) oder das Wetter nicht mitspielen sollte.

Vom Isfjorden geht es in nördlicher Richtung über das riesige Gletschergebiet Holtedahlfonna in den Woodfjord. Diese Gletscher darf man sich nicht alpin vorstellen. Es handelt sich im wesentlichen um "Pfannkuchengletscher", die meist nur leicht ansteigen und auch deswegen nicht sehr spaltenreich sind. Mit der HÜTTE bei Gråhuken ist der nördlichste Punkt der Expedition erreicht. Die Hütte liegt am nördlichen Ausgang des Wijde- und Woodfjords auf der Halbinsel Andrèeland.

Die Länge dieser ersten Etappe nach Gråhuken liegt bei ca 300 Kilometern. 14 Tage sind dafür vorgesehen. Übernachtet wird im Zelt. In Gråhuken befindet sich das Depot mit 550 kg Hundefutter und die Verpflegung für die zweite Etappe.

Von Gråhuken geht es südlich über den Wijdefjord auf den Gletscher Mittag-Lefflerbreen hinauf. Über den Gletscher Nordenskjöldbreen führt unser Weg hinab zum Billefjord und an der russischen Sidelung Pyramiden vorbei in den Isfjord. Sind die Eisverhältnisse im Isfjorden schlecht, geht es nach Longyearbyen über die Gletscher mit einem östlichen Schlenker über das Sassendal durch das Tal Adventdalen.
Die zweite Etappe ist ca. 300 km lang.

Am Abschlußpunkt werden die Hunde wieder in das Schiff verladen, und zurück geht die Fahrt nach Nordnorwegen. Es gibt aufgrund der Eisverhältnisse viele Unwägbarkeiten. Dennoch haben wir den Zeitrahmen der beiden Etappen gut bemessen.

 
Karten
Karten

Sehr gute Übersichtskarten (topographisch) gibt es im Maßstab 1:500 000:

  • Spitzbergen Nordre Del Blad 2
  • Spitzbergen Söre Del Blad 1

Zusätzlich gibt es noch genauere Karten im Maßstab 1:100 000:

  • Blad C 4; A7; B8; B8; A8; C5; B4; B 7; C6; C7; B6; B5; C8; C9


Zeitpunkt
Zeitpunkt

Der günstige Start-Zeitpunkt schien uns der 8. April zu sein.

Um diese Zeit ist es rund um die Uhr hell, und die Temperaturen liegen in etwa in dem Bereich, wie wir sie bei uns in Nordnorwegen im März vorfinden, also kaum tiefer als -20° C.

Die hochstehende Sonne hat den Vorteil, dass sie das Zelt schon erwärmt und besser trocknet. Wir benötigen keine Lampen, und im Zelt ist es gemütlicher.

Bei der Abwehr von Eisbären ist die Helligkeit ein weiteres Plus.



Eisbären
Eisbären

Eisbären gibt es in Spitzbergen genug. Im Spätwinter werfen die Robben ihre Jungen. Sie verbringen viel Zeit auf dem Eis und werden so zur Beute von Eisbären.

Eisbären sind gnadenlos aggressiv, weil fast immer hungrig.

Dennoch kann man sich vor ihnen schützen. Zwar dienen die Hunde als Frühwarnsystem, und auch Signalpistolen mit Blend/Knallpatronen können Wirkung zeigen.

Dennoch wird man nicht umhin kommen, sich richtig zu bewaffnen. Und das nicht nur einfach, sondern dreifach, da ja ein Gewehr auch mal versagen kann.

Eisbärenkontakt auf einer derartigen Tour ist nicht ungewöhnlich.



Teilnehmer
Teilnehmer

Auf den jeweiligen Etappen waren wir mit sechs Personen unterwegs. Eine Person auf Skiern suchte den Weg bei unübersichtlichen Passagen und konnte bei Schwierigkeiten anderen Gespannen rasch helfen. Dies ist auch bei einem überraschenden Angriff von Eisbären ein wichtiger Vorteil.

Die Führung der Expedition lag bei Björn Klauer.

Da die Tour international besetzt war, war die Umgangssprache Englisch.

Es waren Teilnehmer aus England, Finnland, Norwegen, Österreich und Deutschland mit dabei.



Skilaufen
Skilaufen

Auf beiden Etappen wurden u.a. jeweils 600 kg Hundefutter mitgenommen. Alle Schlitten waren also während der ersten Tage schwer beladen. Das machte ein kontinuierliches Stehen auf dem Schlitten unmöglich.

Den Hunden mussten wir – zumindest während der ersten Taqe nach dem Bunkern – viel helfen.

Kein Teilnehmer hat ständig ein Gespann geführt. Die Eisverhältnisse auf den Fjorden und die schwierigeren Passagen auf den Gletschern machten es oft notwendig, dass jemand auf Skiern vorausging und für die Schlitten die beste Durchfahrt suchte.

Diese Aufgabe wurde im Wechsel von allen Teilnehmern übernommen. Die Spitzbergen Expedition hat also konditionell viel abverlangt.